Ursachen ... AD(H)S 3

Ursachen des AD(H)S 

 

 

Als Ursache des AD(H)S wird eine konstitutionell (genetisch) bedingte Entwicklungs- und Regulationsstörung auf neurobiologischer Ebene angesehen, wobei psychosoziale Faktoren die Symptomatik beeinflussen können. Die Vererbung ist polygenetisch, d.h. es sind viele Gene daran beteiligt. Und nicht bei jedem Betroffenen sind die gleichen Gene oder gleich viele betroffen. 
 

Eine Dysregulation (Fehlregulation) auf Ebene der Neurotransmitter (= Botenstoffe im Gehirn; besonders Dopamin) führt zu Problemen im Bereich der Informations- übertragung auf Zellebene. Dieses wiederum bewirkt Regulationsstörungen im Bereich der höheren Handlungsfunktionen - der so genannten executive functions - die im Frontalhirn (Stirnhirnbereich) ablaufen.
 

Für komplexere Handlungsabläufe - wie  abwarten, abstoppen, beginnen können, Prioritäten setzen, Informationen "online" halten oder  abgleichen können, Handlungsplanung und -durchführung etc. - ist ein entsprechendes "Abfangen" von unwichtigen Informationen notwendig, um den Focus zu halten.
 

Dieses Abfangen, die so genannte "Stopp-Anweisung", wird über Dopamin weiter- geleitet.

 

Wissenschaftlich gesichert ist mittlerweile, dass bei AD(H)S die Dichte der Dopamin-Transporter (DAT) - welche für den Rücktransport von Dopamin aus dem synap- tischen Spalt (= Spalt zwischen den Nervenzellen) zuständig sind - erhöht ist. Die Folge davon ist, dass Dopamin zu schnell abgefangen und in die präsynaptische Zelle zurück transportiert wird. Dadurch kann die eigentliche (Stopp-)Information nicht weitergegeben werden.

Aber auch Fehlfunktionen an den Dopamin-Rezeptoren der postsynaptischen Zellen liegen bei einigen AD(H)S-Patienten wohl vor, so dass Dopamin an diesen Zellen nicht entsprechend "andocken" kann, was den gleichen Effekt hat, als wenn es zu schnell wieder zurück transportiert wird.

 

In beiden Fällen ist also nicht primär zu wenig Dopamin vorhanden, sondern es steht durch die vorher beschriebenen Mechanismen nicht genug zur Verfügung bzw. kann seine Aufgabe nicht erfüllen.   

 

Aber auch andere Bereiche des Gehirns unterscheiden sich bei Menschen mit AD(H)S in der "Konfiguration" im Vergleich zu Nicht-Betroffenen. Was anders ist und was das für die Betroffenen heißt, erfahren Sie in meiner Behandlung bzw. in den Schulungen.

 

 

HOHE EMOTIONALITÄT, CO-MORBIDITÄTEN ... WIESO KOMMT ES HÄUFIG SCHON SO FRÜH DAZU ?

 

Betroffene mit AD(H)S können sich nicht generell nicht konzentrieren. Sie sind sogar extrem motiviert und hoch konzentriert, wenn ihnen eine Sache zusagt, wenn diese Sache oder eine Person in ihnen ein gutes Gefühl hervorruft. Nur was oder wer das ist, das ist nicht bewusst steuerbar.

 

Durch eine andere Art der Netzwerknutzung im Gehirn, also der Schaltzentrale - des PCs - im Körper, wird die Motivation, der Antrieb sofort auf Null heruntergefahren, wenn die Sache oder die Person, mit der der Betroffene es zu tun hat, vom Gehirn als negativ oder uninteressant bewertet wird. Und das geschieht "vor - bewusst", also noch bevor es dem Patienten bewusst wird, 'tief drinnen' im Gehirn, im Stammhirnbereich. Es ist somit nicht steuerbar, es geschieht einfach. Daher sprechen wir auch von 'den Gefühlen ausgeliefert sein' oder 'auf dem Gefühl ausrutschen'.

 

Viele Betroffene erleben daher im Verlauf des Lebens, oft schon sehr früh, dass sie häufig kritisiert werden:

  • weil sie Sachen vergessen, die für sie subjektiv nicht so wichtig sind,
  • weil sie nicht bei einer Sache bleiben oder nicht damit beginnen können, wenn sie ihnen nicht zu sagt,
  • weil ihnen bestimmte Menschen von Anfang an ein ungutes Gefühl machen und sie diese daher meiden oder eben nicht angeschaltet bleiben können in deren Nähe.  

 

 

WAS IST SONST NOCH ANDERS ... ?

 

Betroffene haben eine ausgeprägte Reizoffenheit, das heißt, dass alle über die Sinneskanäle im Gehirn ankommenden Informationen in der Regel zu heftig 'hereinkommen'.

So ein heftiges 'Hereinkommen' von Informationen kennen auch Nicht-Betroffene bei schlimmen Erlebnissen, wie Unfällen, Missbrauch, Krieg und so weiter. Dann sprechen wir von einem Trauma.

 

Bei reizoffenen Menschen, also eben besonders auch bei Menschen mit AD(H)S, werden aber häufig schon Alltagserlebnisse  'traumatisch' erlebt - wir nennen das "flache" Traumatisierung. So kann z.B. die Kritik eines Lehrers, ein Streit in der Clique, ein Fehlpass beim Fußball für einen reizoffenen Menschen in seinem Gehirn traumatisch bewertet und abgelegt werden. 

 

Entscheidend ist, dass Erlebnisse, die den Charakter eines Traumas haben, von unserem Gehirn in der Regel nur schwer verarbeitet werden können.

So bleiben daher oft ein Leben lang die Emotionen im Hintergrund aktuell, die mit so einem negativen Erlebnis oder einer negativ empfundenen Person im Zusammenhang stehen, und sind jederzeit durch ähnliche Situationen / Personen wieder hervorrufbar - wir nennen das Triggern. 

 

Wir können uns vorstellen, was so ein andauerndes Triggern von negativen Gefühlen mit uns macht, wenn wir uns als Modell einen PC vorstellen.

 

 

 

Jeder, der am PC arbeitet, weiß, dass dieser immer langsamer wird, wenn wir immer mehr Fenster aufmachen und diese offen stehen lassen. Letztendlich stürzt der PC ab.

Bei unserem Gehirn geschieht im Endeffekt das Gleiche: die offenen Fenster sind die nicht verarbeiteten, als 'traumatisch' deklarierten Erlebnisse, Emotionen des reizoffenen Gehirns, die immer wieder aufgerufen, d.h. getriggert werden.

 

Werden die Patienten davon immer wieder über- schwemmt, d.h., werden diese Emotionen immer wieder getriggert, dann hängen die Betroffenen in dieser emotionalen Gefühlswelt von Ereignissen, die schon lange "Geschichte" sind, immer wieder fest.

Sie blockieren und können sich nicht auf die aktuelle Situation einstellen, da ja ein Gefühl aus der Vergangenheit im wahrsten Sinne des Wortes gerade "aufgetaucht" ist und sie in diesem Moment nicht mitbekommen, was eigentlich aktuell, im Hier und Jetzt, passiert.

 

Die Betroffenen können also wieder einmal nicht adäquat reagieren, verpatzen was, zögern, reagieren nicht angemessen o.ä. und werden sich in der Regel dadurch schon wieder Kritiken oder negativen Gefühlen ausgesetzt finden, welche nun bei der Reizoffenheit erneut negativ und damit 'traumatisch'  im Gehirn abgespeichert werden.

Der Teufelskreislauf wird immer schlimmer, bis die Depression, die Angst, der Zwang, die Ess-Störung, die Sucht, das Burn-Out oder andere "Lösungen" des Gehirns als Co-Morbiditäten die Patienten heim-suchen.

 

 

AD(H)S ist somit eine sehr komplexe Störung mit unterschiedlicher Ausprägung und häufig kompliziert durch Co-Morbiditäten (zusätzliche Erkrankungen wie Depression, Angst, Zwang,  Ess-Störung, Sucht ...).

 

Nach einigen Studien haben bereits 70% der betroffenen Kinder im Alter von 7,5 bis 9 Jahren eine solche Sekundärstörung.

 

 

SCHWIERIGKEITEN BESONDERS IM ALLTAG ... WARUM?

 

Für einen betroffenen AD(H)Sler ist Alltag deshalb so immens schwer, weil es im Grunde genommen im Alltag nicht so ganz viel Spannendes gibt.

Vieles ist eben immer wieder das Gleiche, ist Routine, ist langweilig, ist eben alltäglich - und macht das Gehirn eines AD(H)Slers nicht sonderlich an. 

 

Wenn das Gehirn nicht "angemacht" ist, ist es auch nicht angeschaltet, dann kann es nicht richtig funktionieren. Dann geschieht das, was AD(H)Slern eben andauernd passiert:

Vergessen, Verschieben, nicht "online" bleiben, fahrig sein, wegträumen oder sprunghaft von einem zum anderen 'anmachenden' Reiz wandern.

 

Die Folge ist erneutes kritisiert werden, womit das Gehirn wieder ausgeschaltet wird - und im Endeffekt kommt kein wirklicher Lernerfolg zu Stande, weil er nicht zu Stande kommen kann.