Symptomatik ... nach Alter ... AD(H)S 2

Symptomatik ... nach Alter... sowie Besonderheiten bei Frauen

Obwohl die Kernsymptome des AD(H)S in jedem Alter vorhanden sind, unterscheiden sie sich selbstverständlich im klinischen Bild in den verschiedenen Altersstufen. Und auch noch andere Dinge laufen bei AD(H)S irgendwie ein bisschen anders. Im Folgenden einige der möglichen Symptome nach Alterstufen - ohne den Anspruch auf Vollständigkeit laugh:

 

Säuglingsalter

.... häufig sind diese Kinder schon im Mutterleib sehr lebhaft und treten ihre Mütter ständig. Oftmals haben sie einen sehr hohen Muskeltonus und können schon in den ersten Lebenstagen in Bauchlage den Kopf heben, wollen später schon sehr früh "stehen", alles "im Blick haben".

 

Viele sind Schreibabys oder sie schlafen lange nicht durch, sind im Schlaf unruhig, wollen sich nicht gerne anziehen lassen.

Verdauungsprobleme und Trinkschwierigkeiten kommen häufig vor.

Zufrieden sind sie meistens dann, wenn sie beschäftigt oder herumgetragen werden. Langeweile tolerieren sie schlecht.

Oder aber genau das Gegenteil: Sie sind extrem pflegeleicht und ein "Sonnenschein".

 

Kleinkindalter

Sind sie etwas größer, sind sie häufig nur "unterwegs", haben einen ausgeprägten "Entdeckergeist", gehen "verloren", wenn die Eltern nicht permanent ein Auge auf sie haben. Nichts ist vor ihnen sicher. Sie müssen alles anfassen, schmecken, und riechen - müssen die Welt mit allen Sinnen begreifen. Sind risikofreudig und 'verunfallen' häufiger, lernen aber kaum aus Erfahrung.

 

Ausgeprägte und frühe Trotzphasen sind häufig; viele sprechen schon früh und grammatikalisch sehr gut - 1/3 zeigt jedoch auch eine deutliche Verzögerung in der Sprachentwicklung.  

 

Viele Symptomen bei AD(H)S kommen auch in diesem Alter nur als Extrem vor - entweder schon früh trocken oder aber nicht selten bis weit in die Grundschulzeit noch nicht, keine Angst oder sehr ängstlich.

 

Letztere sind oftmals eher ruhigere Vertreter, spielen gerne für sich alleine, mit einer immensen Ausdauer immer wieder das gleiche oder mit dem gleichen Kind, das in der Regel ähnlich "gestrickt" ist. Sie träumen oft vor sich hin, bekommen nicht immer mit, was um sie herum sonst noch so passiert. Oft haben diese Kinder starke Trennungsängste wenn es dann in den Kindergarten geht.

 

Vorschulalter/Kindergartenzeit

Sie können auffallen durch eine Verweigerung beim Malen und Basteln - oder aber sie sind darin den anderen weit voraus.

 

Bei Vielem wirken sie tollpatschig, trödeln zunehmend bei alltäglichen Aufgaben, fangen wieder an zu spielen wenn Bettzeit ist, beginnen auch schon in diesem Alter mit dem Diskutieren. Ausreden und Flunkern wird "geübt", sie fangen an sich mit irgendetwas zu entschuldigen, was zu "erfinden", um zu erklären, warum sie was nicht gemacht oder vergessen haben. 

 

Schwierigkeiten mit Freunden werden deutlicher - sie sind für die anderen oftmals zu anstrengend, zu impulsiv, zu wenig kompromissbereit, sie wollen immer Recht haben, sind sehr kritikempfindlich.

 

Oder aber sie bekommen in der Gruppe nicht mit, was gerade Sache ist, sind immer zu langsam, träumen vor sich hin, die anderen müssen auf sie warten.

 

Fremdbestimmte Änderungen oder Unterbrechungen ihrer Tätigkeiten (bes. beim Spielen etc.) gehen gar nicht, führen zu Schreierei und Sich-verweigern. Sie können gut austeilen, aber nicht gut einstecken - dann sind sie schnell gekränkt oder es "tut schrecklich weh". Viele haben auch jetzt schon Einschlafprobleme. Nicht selten sind sie in diesem Alter schon Außenseiter.

 

 

 

Im Schulalter

... fallen die meisten dann durch verschärfte Symptome aus dem Kleinkind- und Kindergartenalter auf. Jetzt wird auch ein Teil derjenigen auffällig, die bis dahin ganz gut kompensiert waren.

 

Sie können nicht stillsitzen, nicht abwarten, rufen in die Klasse, stehen auf, sind oft übereifrig und können sich nicht bremsen. SIe kritzeln in die Hefte und Bücher, zerkrümeln den Radiergummi, sprechen mit sich selbst und spornen sich an, wenn sie sich konzentrieren sollen (z.B. in einer Klassenarbeit). Die betroffenen Kinder lassen sich ablenken und lenken selbst auch andere ab. Oft haben sie eine sehr schlechte Schrift und drücken extrem stark mit dem Stift auf das Papier.

 

Sie sind extrem kritikempfindlich und rasten dann auch schnell aus. Hausaufgaben sind bei den meisten "die Katastrophe am Nachmittag" - weil sie nicht anfangen wollen, sich ablenken lassen, ihnen andauernd was anderes einfällt, sie schnell aufgeben, wenn etwas nicht auf Anhieb klappt, die Aufgaben nur ordentlich machen, wenn ein Elternteil dabeibleibt .... häufig wissen sie nicht mal was sie aufhaben, denn das Hausaufgabenheft wird gerne jahrelang "geschont".

 

Aber auch beim Spielen am Nachmittag oder abends in der Familie gibt es die gleichen Probleme wie schon zuvor in jüngeren Jahren - vergessen, vertrödeln, hinauszögern, Chaos stiften, diskutieren ...

 

 

In der Pubertät

...wird die AD(H)S-spezifische "Verpeilung" noch durch die generelle pubertätsbedingte verschärft, so dass - nach Cordula Neuhaus - die Betroffenen und deren Familien die "Superpubertät" überstehen müssen.

 

Betroffene sind hoch reizoffen, leicht beeinflussbar von Menschen, die sie als kompetent bewerten. Sie haben verstärkt  einen verschobenen Schlaf-Wach-Rhythmus und wirken beim Wecken morgens oft "komatös".

 

Schnell rasten sie aus, sind impulsiv, hoch emotional - bei ausgeprägter Kritikempfindlichkeit. Sie haben kein Zeitempfinden, werden immer chaotischer.

 

 

Selbststrukturierung und Selbstorganisation sind bei den meisten Fremdwörter. Antrieb und Motivation sind nur noch angeschaltet bei subjektiv hoch positiven Reizen.

 

Prioritäten setzen und damit Entscheidungen fällen, wird immer schwerer. Es besteht eine ausgeprägte so genannte "Verschieberitis".

 

Oder aber sie sind kompensatorisch - um das "Chaos im Hirn" einzudämmen - äußerlich sehr strukturiert, penibel. Alles muss so laufen, wie sie sich das vor- stellen. Sie geraten in Verzweiflung, wenn Unvorher- gesehenes sie aus dem Takt bringt.

 

 

Im Erwachsenenalter

... stehen die hohe Emotionalität, oftmals die Co-Morbiditäten sowie die Schwierigkeiten der man- gelnden Strukturierung und Selbstorganistation im Vordergrund. Probleme im Management von Zeit, Finanzen und gleichzeitigem Bewältigen der Anfor- derungen im Beruf, in der Partnerschaft, der Familie sowie in der Freizeit.

 

Unangenehmes bzw. Alltägliches wird vor sich hergeschoben. Sie haben Schwierigkeiten mit der Motivation und dem Durchhalten, können schlecht Prioritäten setzen; verlieren den roten Faden beim Reden, Denken und Arbeiten. Durch die hohe Ablenkbarkeit und das Vergessen von z.B. Absprachen und Terminen ist die Verlässlichkeit eingeschränkt.

 

Die meisten sind sehr kritikempfindlich und wollen Recht haben - "immer sind die anderen Schuld". Es besteht eine hohe Impulsivität - dazwischen quatschen, andere unterbrechen und belehren, nicht abwarten können, bis sie an der Reihe sind, schnell genervt sein - dadurch häufig verminderte Teamfähigkeit.

 

Viele haben durch ihr starkes Autonomiestreben große Schwierigkeiten mit Autoritäten und Regeln. Gehäuft verursachen sie Geschwindigkeitsübertretungen, auch Unfälle oder parken mal wieder falsch. Sie fühlen sich schnell ungerecht behandelt - haben aber einen hohen Gerechtigkeitssinn - auch für andere.

 

 

Die Besonderheiten bei Frauen

... liegen in den oft noch größeren Problemen in der Selbstorganisation. Denn die meisten Frauen haben immer noch mehr Bereiche im alltäglichen Leben "abzudecken" als Männer. Haushalt, Job / Schreibtisch, Kinder, Freitzeit und Partnerschaft unter einen Hut zu bringen fällt extrem schwer durch die Probleme im Prioritätensetzen, durch Vergessen von Dingen und die "Verschieberitis" oder durch hoch impulsives Handeln (wie z.B. Spontankäufe - oft von völlig unnötigen Dingen).

 

Häufig können sie sich nicht gut von Dingen trennen, was tendenziell zur Sammelleidenschaft und ggf. auch zum Vermüllen der Wohnung führen kann.

 

Die meisten AD(H)S-Frauen haben ein Helfersyndrom - und können ganz schlecht Nein sagen bzw. können sich nur schwer abgrenzen.

 

Als bereits Kompensation der Schwierigkeiten in der Selbstorganisation können AD(H)S-Frauen aber auch genau das Gegenteil von desorganisiert sein: nämlich sehr genau, penibel, zwanghaft, ängstlich, kontrol- lierend - damit sie ja nichts vergessen. Ihre Familien können sie mit diesem "Fimmel" dann schon "terrorisieren". Und läuft es nicht so, wie minutiös geplant, dann kommen sie ganz aus dem Konzept. Spontanität gelingt nur, wenn sie selbst verursacht ist.

 

AD(H)Slerinnen fühlen sich häufig permanent erschöpft und überfordert - auch schon bzw. gerade bei all- täglichen Aufgaben - auch dann, wenn sie alle Aufgaben bewältigen.

 

Überzufällig oft leiden sie unter einem ausgeprägten prämenstruellen Syndrom. Die Libido ist bei vielen, besonders nach der ersten 'heißen' Phase einer Partnerschaft, vermindert. Denn Körperlichkeit und Sexualität geht langfristig nur, wenn alles passt - das eigene Körpergefühl, die Stimmung, die Zeit, die Temperatur des Raumes, das Licht etc. ... passt da etwas nicht, dann ist die Lust gleich auf dem Nullpunkt - und das kann von der einen auf die andere Sekunde so sein.

 

 

 

 

In der Regel greifen alle AD(H)Sler (egal ob Mann oder Frau) irgendwann - unbewusst - zur "Selbst-Medikation" in Form von Kaffee, Cola, Chips, besonders häufig Süßes - speziell Schokolade; Nikotin, Alkohol, Drogen. Spielcasino. Sport, Extremsport, Sex (häufig gesteigerte Libido bei Männern), ... bei Frauen auch 'gerne' Shoppen.

 

Durch die oben erwähnten Schwierigkeiten und die hohe Emotionalität entstehen bei den meisten AD(H)Slern im Verlauf des Lebens zunehmend Verunsicherung, Selbstzweifel, Selbstunsicherheit und dadurch langfristig anhaltende Probleme in der Paarbeziehung - aber auch im Beruf / in der Schule, der Familie, mit Freunden .... 

 

Im Vergleich der Geschlechter neigen AD(H)S-Frauen mehr zu Co-Morbiditäten wie Angst-, Zwangs- oder Ess-Störungen und Depressionen während AD(H)S-Männer eher aggressives Verhalten, Suchterkrankungen, Störung des Sozialverhaltens bis hin zur Delinquenz entwickeln.